Grußwort anlässlich der Holocaust-Gedenkfeier in der Trinkkurhalle

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Jugendliche !

Auch im Namen unserer Bürgervorsteherin Frau Anja Evers begrüße ich Sie alle zur heutigen Gedenkfeier anlässlich des Holocaust-Gedenktages am vergangenen Sonnabend, den 27.Januar.

Ganz besonders möchte ich unsere Gäste aus Israel, Frau Sara Atzmon und ihren Ehemann, begrüßen. Herzlich Willkommen in Deutschland und herzlich willkommen in Timmendorfer Strand.

Bedanken möchte ich mich jetzt schon persönlich bei unserer Lehrerin für Geschichte am Ostsee-Gymnasium, Frau Finke-Schaak, die über ihr persönliches Engagement und über ihre persönlichen Kontakte den Besuch überhaupt erst ermöglichte.

Meine Damen und Herren,

eine vielzitierte jüdische Weisheit lautet:

„Das Vergessenwollen verlängert das Exil,

und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Nur wer sich der ganzen, also auch der dunklen Vergangenheit aufrichtig erinnert, wird frei für die Zukunft.

Sie wissen: Ich habe türkische Wurzeln – und ich bin jetzt Ihre Bürgermeisterin hier in Deutschland, hier in Timmendorfer Strand. Ich stehe für eine „neue Normalität“, die es hier nicht immer gegeben hat, aber – Gott sei Dank – heute gibt.

Ich bin stolz darauf, einen Ort in einem Land zu repräsentieren, zu dem es gehört, dass ein großer Bundeskanzler wie Willy  Brandt in Warschau gekniet hat, obwohl er es persönlich nicht nötig hatte, denn er war am Widerstand beteiligt. Ein religiöses Zeichen hatte er gewählt, wo Worte zu wenig gewesen wären. Holocaust – sechs Millionen ermordete Juden – im deutschen Namen. Willy Brandt hat gekniet vor dieser Zahl, vor diesem Abgrund, vor dieser dunklen Seite der Gewalt, die in jedem Menschen schlummert… Sein Kniefall von 1970 gehört für mich zur Vorgeschichte der Deutschen Einheit 1989/90.

Ich bin stolz darauf, einen Ort in unserem Land zu repräsentieren, das davon mitgeprägt ist, dass ein großer Bundespräsident wie Richard von Weizsäcker – 1985 eine Befreiungsrede der Erinnerung gehalten und darin diese jüdische Weisheit zitiert hat – aufrichtig daran erinnert: „Der Völkermord an den Juden ist beispiellos in der Geschichte“. Und: „Wer…vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren“.

Und die sind heute keineswegs kleiner geworden.

Ich bin stolz darauf, unseren Ort zu repräsentieren, wo solches Erinnern in Schule und Kirche zum Standard gehört. Die Konfirmanden beschäftigen sich mit „Schindlers Liste“. Dort wie am OGT und GGS Strand Europaschule wird zuverlässig und nachhaltig an die braune Diktatur, an Holocaust und Widerstand erinnert. Das Gedenken wird offensiv zum Thema gemacht – zum Beispiel Sie, liebe Frau Finke-Schaak, zum Beispiel Sie, lieber Pastor Vogel, Du, lieber Thomas – stehen dafür. Gut so. Engagierte und couragierte Menschen tun unserer Gesellschaft gut.

Aber natürlich nicht zuletzt: Ich bewundere Sie, liebe Frau Sara Atzmon, dass Sie, im heutigen, anderen Deutschland, so wie nur Sie es auf Ihre persönliche Weise vermitteln können, in Ihrer Kunst – und dann auch im Weiter-Erzählen Ihrer schweren Erfahrungen. Ihre persönlichen Erinnerungen, an denen Sie viele und heute auch uns teilnehmen lassen, sind für uns ein kostbares Geschenk. Sie helfen uns, die nötige Erinnerung zu verfeinern und eben wachzuhalten. Dies ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Denn es hilft uns ja, gemeinsam, offen, ohne falsche Abgrenzungen, ohne Populismus – aufrichtig Zukunft zu gewinnen und zu gestalten. Es ehrt unsere Gemeinde Timmendorfer Strand, dass Sie bei uns sind, im Ostgymnasium bei den jungen Leuten zuerst und jetzt hier. Das Wort „Ehrengast“ erlebe ich gerade ganz neu.

„Das Vergessenwollen verlängert das Exil,

und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Als eine gültige und zukunftsweisende Konsequenz höre ich als Bürgermeisterin und Juristin, was im Artikel 1 unseres Grundgesetzes gilt: „Das deutsche Volk bekennt sich…zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Dies ist auch heute und morgen Verpflichtung aller – und dieser Erinnerungs-Abend mag dazu seinen guten Beitrag hier vor Ort leisten.

Vielen Dank!

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